Blick in die Zukunft? – Sharing Economy durch Zweckentfremdungsverbote eingeschränkt

lang_zweckentfremdung_grafik

Ein Gastbeitrag von Claudius Mehnewww.gloveler.de

Die Sharing Economy wächst weltweit. Das Forbes Magazin beziffert das Volumen der Sharing Economy weltweit auf 3,5 Milliarden Dollar, bei einem jährlichen Wachstum von 25 Prozent[1].

Wie René Lisi in seinem Beitrag vom 27. August ausführt, nehmen Medien, Wettbewerber und Politik statt der Potenziale der Sharing Economy vor allem den Regulierungs-Aspekt wahr. Das ist schade, aber Realität.

Infografik als PDF

aktuelle Konflikte zwischen Sharing Economy, Lobbyverbänden und Politik

Auch in Deutschland finden Auseinandersetzungen zwischen Sharing Economy- Unternehmen, Lobbyverbänden und der Politik statt. So verklagte zum Beispiel der Bundesverband der Autovermieter Deutschlands (BAV) Deutschlands größten Anbieter für privates Carsharing, Autonetzer[2]. Außerdem erlässt die Politik zunehmend Gesetze, die drastische Folgen für Unternehmen und Nutzer haben. Zum Beispiel erwirkte die Taxilobby in Deutschland mit lauten und vereinfachenden Parolen ein Quasi-Verbot des Mitfahrdienstes Uber[3].

Regulierungen ohne Klarheit

Dabei zieht sich eine Konstante durch die emotional aufgeladene Diskussion. Einerseits machen Politik und Wettbewerber die Sharing Economy für negative Entwicklungen verantwortlich, andererseits schafft die Politik nicht dort für Klarheit, wo viele Nutzer der Sharing Economy sie begrüßen würden.

Unter diesem Widerspruch leiden auch Buchungsplattformen für Privatunterkünfte. Da die Regulierungen von Kommune zu Kommune unterschiedlich ausfallen und oft auf rechtlich unsicherem Fundament stehen, erhöht sich die Unsicherheit insgesamt – bei Plattformbetreibern, Gastgebern und Reisenden.

Lobbys und Politik Hand in Hand

Antreiber der Regulierungen ist die Hotellobby einerseits, die Wettbewerbsverzerrung moniert, und die Politik andererseits, die einen rechtsfreien Raum befürchtet. Unterschiedliche Argumente führen zum gleichen Ergebnis: Zweckentfremdungsverbote, die privates Vermieten erschweren oder verbieten wollen. Bei Zuwiderhandlung drohen 50 000 Euro Strafe. Vordergründig geht es der Politik dabei um bezahlbare Mieten, die Sie durch die Sharing Economy bedroht sehen. In der Tat besteht Handlungsbedarf, in Hamburg zum Beispiel stiegen Neuvertragsmieten in den letzten fünf Jahren um 20%, in Berlin sogar um 40%[4].

Politik und Mietervereine behaupten, die Sharing Economy sei für steigende Mieten in Großstädten verantwortlich. Immer mehr Menschen übernachteten in Privatunterkünften und diese stünden dem Wohnungsmarkt nicht mehr zur Verfügung, folglich steigen die Mieten. Daher müssten Kurzzeitvermietung verboten und „Zweckentfremdungsverbote“ eingeführt werden Soweit die Politik. Das klingt einleuchtend, ist aber nicht stichhaltig, wie ein Blick auf die nackten Zahlen zeigt.

Symbolpolitik mit Zweckentfremdungsverboten

In Berlin befinden sich die mit Abstand meisten Privatunterkünfte in Deutschland. Der Berliner Senat geht von 12 000[5] „Ferienwohnungen“ aus. Angenommen, diese umstrittene Zahl entspräche der Tatsache. Dann wären 0,6% der 1,5 Millionen[6] Berliner Wohnungen dem Mietmarkt entzogen. Berlin wächst aber um 40 000 Menschen jährlich[7], selbst ein vollständig durchgesetztes Verbot kurzzeitiger Vermietung verpufft dann augenblicklich. In Hamburg werden laut Senat nur 0,09% der Wohnungen als Privatunterkünfte genutzt. Bei all diesen Zahlen fasst die Politik klassische Ferienwohnungen (verwerflich) und Unterkünfte im Erstwohnsitz des Gastgebers (nicht ganz so verwerflich) zusammen. Sonst klingen die Zahlen wohl weniger eindrucksvoll. Absurd, dass gleichzeitig die landeseigene Berliner Immobiliengesellschaft Berlinovo 7000 Ferienwohnungen aktiv bewirbt, die in keiner Rechnung des Senats auftauchen[8].

Großflächiger Neubau ist die wirkungsvollste Maßnahme, Mieten in Boomstädten mittelfristig zu senken. Aber gerade hier hat die Politik in Deutschland ihr Engagement stark reduziert; seit Jahren rufen Bundesländer und Kommunen die Mittel von Bund und EU für Wohnungsbau nicht ab[9].

Ein Schelm, wer hinter den eilig zusammengeschusterten Zweckentfremdungsverboten die Suche nach einem Sündenbock vermutet.

Gemeinsame Lobbyarbeit aus Selbstschutz

Über kurz oder lang werden die Unternehmen der Sharing Economy nicht umhin können, eine gemeinsame Lobbyarbeit zu betreiben, denn ihre disruptiven Geschäftsmodelle werden zunehmend beschnitten.

Ein Gastbeitrag von Claudius Mehne

Claudius Mehne ist Marketing-Manager und PR-Verantwortlicher bei gloveler, Deutschlands ältestem Buchungsportal für Privatunterkünfte.

[1] http://blog.insm.de/7902-sharing-economy-teilen-ist-besser-als-besitzen/

[2] http://www.focus.de/auto/news/autoabsatz/autovermieter-verklagen-private-autoteiler-zoff-in-der-carsharing-branche_aid_1120247.html

[3] http://www.heise.de/newsticker/meldung/Gerichte-bestaetigen-Uber-Verbot-in-Berlin-und-Hamburg-2404577.html

[4] http://www.tagesspiegel.de/berlin/wohnungsmarkt-in-berlin-steigen-mieten-am-schnellsten/8273838.html

[5] http://www.dw.de/treiben-touristen-die-berliner-mieten-hoch/a-16596901

[6]http://www.stadtentwicklung.berlin.de/wohnen/wohnungsbau/download/ausstellung_wohnenswerte_stadt.pdf

[7] http://www.tagesspiegel.de/berlin/zuwanderung-berlin-waechst-um-40-000-menschen-im-jahr/8003204.html

[8] http://www.ivbp.de/News/news_Senat_vermietet_Ferienwohnungen.html

[9] http://www.immobilien-zeitung.de/1000000203/verbaende-fordern-abruf-von-eu-mitteln-fuer-wohnungsbau

Advertisements


Kategorien:Regulierung

Schlagwörter: , , , , ,

1 reply

  1. Hat dies auf Sharecon rebloggt und kommentierte:

    Sharecon hat anlässlich des vergangenen Events vom 2.10.2014 die Regulierung angesprochen. Der vorliegende Gastbeitrag von Claudius Mehne (www.gloveler.de) gibt einen Einblick in die gegenwärtige Situation in Deutschland (inkl. Infografik)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Blog von Adrienne Fichter

Hier wird über Politisches, Partizipatives, Transparentes und andere soziale Webgeschichten gebloggt

Peter Metzinger

International speaker, lecturer and strategic campaigning consultant. Campaigner since 1982. One of the minds behind the Open Forum concept at the World Economic Forum. Proprietor and managing director of business campaigning GmbH.

Stella Schieffer

Life lessons of an entrepreneur, personal stories, travel and ideas that impress me.

The Happy Startup School – A better way to build a startup

We help you turn your startup idea into a happy, thriving business

Reply.ch - Online Marketing Schweiz

Insider Blog der Schweizer Online-Marketing Welt

foodsharing Halle

Wir retten Lebensmittel.

Sharecon

Sharing Economy Switzerland

BringBee

Der nachbarschaftliche Mitbringservice für deine Einkäufe

The Customer & Leadership Blog

provocative conversations: questioning conventional wisdom / stimulating original thinking

Mike Schwede

People talking to each other, it just happens to be online!

Collaborative Consumption

shareconomy, mobility and related topics

%d Bloggern gefällt das: